Zur Geschichte der Einrichtung
Als Leiterin der Städtischen Tageseinrichtung für Kinder „Unter dem Gedankenspiel“ hatte ich das 40-jährige Jubiläum unserer Kita zum Anlass genommen, die wichtigsten Ereignisse und pädagogischen Entwicklungen für im chronologischen Ablauf zu schildern. Da ich selbst seit 1979 diese Einrichtung leite, können die Angaben für die Zeit davor nur durch Aussagen von Zeitzeugen von mir wiedergegeben werden, alle Entwicklungen seit 1987 konnten durch entsprechende Zeitungsartikel stellenweise dokumentiert werden. Diese Rückschau wurde ursprünglich für die 2006 erschienene Jubiläumszeitung erstellt.
Das Ganze ist etwas umfangreich, aber schließlich sind 40 Jahre ja auch keine Kleinigkeit und viel Interessantes ist geschehen. Sie werden sehen!
Im November 1966 wurde unser Haus als zweite Einrichtung der damals noch selbständigen Gemeinde Wehrda eröffnet. Zunächst zweizügig und nur die beiden oberen Gruppenräume nutzend, ging man an den Start. Der gesamte untere Bereich wurde durch die Grundschule genutzt. Aufgrund steigender Kinderzahlen wurde zunächst als dritter Gruppenraum der Bewegungsraum hinzugenommen. Als dies nicht mehr ausreichte und der Anbau der Grundschule fertig war, zog diese wieder in ihre Räume zurück. In dieser Zeit wurden in den Gruppen die Kinder in altershomogenen Gruppen betreut (3-jährige, 4- und 5-jährige und 6-jährige Kinder jeweils in getrennten Gruppen). Nach der Eingemeindung im Jahr 1974 wurde unser Haus dann eine Städtische Einrichtung. Je nach Kinderzahl war sie 3- bzw. 4-zügig.
Nach 1979 begannen wir dann, die Kinder in altersgemischten Gruppen pädagogisch zu betreuen, und so waren dann gemeinsam 3-6-jährige Kinder in einer Regelgruppe. Dies war die beste Voraussetzung für einen sozialen Lernprozess und ein gegenseitiges Geben und Nehmen von Klein und Groß. Diese Altersstruktur hat sich nicht umsonst bis zum heutigen Tag bewährt. Im Sommer 1987 waren wir die erste Städtische Einrichtung, die mit 15 Plätzen beginnend, einen Mittagstisch und die pädagogische Betreuung bis 14.00 Uhr anbot. Zahlreiche Einrichtungen folgten unseren positiven Erfahrungen.
Im Mai 1989 gab es bei uns ein ganz besonderes Projekt. Wir waren eingeladen, mit dem bekannten Liedermacher Rolf Zuckowski in der Marburger Stadthalle vor, man höre und staune, 1000 Zuschauern die Vogelhochzeit zu singen und zu spielen. Alles klappte wunderbar und wurde anlässlich des Sommerfestes im gleichen Jahr auch noch einmal für alle Kinder und Eltern der Einrichtung aufgeführt. Eine gelungene Sache!
Im Oktober 1989 waren jetzt in vier Gruppen 80 Kinder untergebracht. Immer schon engagierten sich Kinder, Eltern und das Team für Menschen, denen es nicht so gut geht, so auch im Jahr 1993. Ein Flohmarkt wurde durchgeführt, und der Erlös und die Gelder einer Bastelaktion der Kinder an die Asylbewerber auf dem Tannenberg weitergeleitet.
1996 wurde die defekte Heizung ausgebaut, eine neue, modernere folgte, und die maroden Fenster wurden erneuert. Das bedeutete: Ausquartierung! Für über drei Monate zogen wir samt Möbeln, Spielzeug und allem, was man so brauchte, in ein ehemaliges Kasernengebäude auf den Tannenberg. Die Räume waren zwar sehr hoch und daher sehr laut, aber die Straße vor dem Gebäude wurde nur für uns freigehalten, alle Kinder lernten hier in Ruhe Radfahren. Der Transport erfolgte am Morgen (hier hieß es pünktlich zu sein) sowie um 12.00/14.00 Uhr und 16.30 Uhr per Shuttle-Bus. Das waren schon logistische Meisterleistungen und jede von uns war enorm gefordert. Aber es hat Spaß gemacht und wir möchten die Zeit nicht missen.
Das Modellprojekt altersübergreifende Gruppen für Kinder ab dem zweiten Lebensjahr, Kinder im Kindergartenalter und Kinder im 1. Schuljahr konnte nach langem Hin und Her zwischen den verantwortlichen Politikern, aber Dank des Einsatzes von Beteiligten des Jugendamtes, des Ortsvorstehers und mir als Leitung endlich doch im Sommer 1999 starten. Ausschlaggebend für die neue Angebotsstruktur waren zurückgehende Zahlen der Kindergartenkinder, die steigende Nachfrage nach Plätzen für Kinder unter 3 und Schulis im 1. Schuljahr. Wenn man uns fragt, für alle Beteiligten die schönste Zeit der pädagogischen Arbeit! Es gab so viele wichtige Erfahrungen, und es war gut, dass dies der breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht wurde. Das Projekt wurde wegen wieder zunehmender Kinderzahlen dann zurückgenommen. Eltern hätten da gern andere Lösungen gesehen - wir auch!
Vom Mai 2005 bis August 2009 gab es das KIT-Modell (Krippenkinder in Tagespflege) in unserer Einrichtung. Hierbei wurden in einem freien, nicht von einer Regelgruppe genutzten Raum fünf Kinder ab 1,5 bis 3 Jahren von einer Erzieherin betreut. Vorteile waren u.a. klar die Anbindung an die Einrichtung und der u.a. dadurch leichter gewordene Übergang der Kinder in unsere Regelgruppen sowie das Miteinander von Klein und Groß unter einem Dach.
Geplant war seit gut einem Jahr die Aufnahme eines schwerst hörgeschädigten Kindes nach dessen Nierentransplantation. In der entsprechenden Kindergruppe wurde durch die Erzieherinnen eine sehr gute Vorbereitungsarbeit dazu geleistet und alle warteten höchst motiviert auf das Kind. Aus familiären Gründen war dann daraus leider nichts geworden. Dennoch wird es weiterhin unser Bestreben sein, wie bereits seit 1986, immer wieder erfolgreich die Integration von Behinderung bedrohter Kinder bei uns durchzuführen. Das natürliche Miteinander und das gegenseitige soziale Lernen stehen dabei im Vordergrund. Integration heißt für uns aber auch seit 1989 eine junge Frau mit Down-Syndrom erfolgreich in die tägliche Arbeit einzubinden.
Im Laufe der 40 Jahre haben sich nicht nur die Angebotsstruktur und die Kinderzahl, sondern auch die Räume und die gesamte Pädagogik verändert. So haben unsere Kinder heute die Möglichkeit, sich im gesamten Haus zu bewegen (bis auf unser Personalzimmer, das den Erwachsenen vorbehalten bleibt für Teamsitzungen, Entwicklungsgespräche mit Eltern, Hilfeplangespräche mit Therapeuten usw., und das früher eine alte Bodenkammer war). Früher waren die Gruppentüren geschlossen, heute sind sie fast den ganzen Tag geöffnet und selbst die jungen Kinder wagen erste Schritte hinaus aus dem gewohnten Gruppenraum auf den Flur zum Bobbycarfahren. Alle Bereiche sind für die Kinder zugänglich, so gibt es den großen Bewegungsraum, in den man allein oder in einer Kindergruppe darf, den Snoezelenraum, einen Raum der Stille und Entspannung (früher ein Abstellraum), den Forscherraum (ein Gruppenraum, der nicht mehr von einer Regelgruppe, aber von einzelnen Kindern genutzt wird, die Experimente machen möchten, alte Elektrogeräte auseinander nehmen, in Ruhe Bücher anschauen, mit der Druckerei arbeiten, am Sandtisch Muster malen oder vieles mehr entdecken können).
Das Außengelände mit den Spielplätzen wird ebenfalls von den Kleingruppen ohne die Erzieher genutzt (früher ging man nur mit der Gesamtgruppe nach draußen). Hier zeigt sich, wie wichtig es uns ist, Kindem nach der gemeinsamen Absprache von Regeln und der Einbeziehung von Eltern durch Information diese Freiräume zu gewähren. Wir fördern und unterstützen damit Selbständigkeit und das Verantwortungsgefühl der Kinder. Den Bildungsauftrag, Kinder zu betreuen, zu bilden und zu erziehen, nehmen wir sehr ernst. Wir werden auch weiterhin jedes Kind in seiner Entwicklung fördern und stärken und für Eltern und Öffentlichkeit ein stets ansprechbarer Partner sein. Dazu gehört, wie z. B. mit diesem Beitrag, die Arbeit durchschaubarer und transparenter zu machen.
Den Ruf, eine gute, innovative Einrichtung zu sein, werden wir ständig weiterentwickeln zum Wohle der uns anvertrauten Kinder.
Ihre Gisela Gundlach